Kennen Sie Matias Qwrst? Nein? Ich auch nicht. Ich erfinde ihn grade. Er ist Kfz-Meister, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt, jahrzehntelange Berufserfahrung macht ihn wirklich zu einem Meister in allem, was er tut. Er arbeitet allein. Ist also „Solopreneur“, muss sich selbst um das Geld für das tägliche Leben, Werkstatt- und Wohnungsmiete, Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung kümmern, seinen Kunden Rechnungen schreiben, Zahlungen im Auge behalten, mahnen, Gewerbe-, Einkommens- und Umsatzsteuer abführen und und und. Will er mal Urlaub machen, gibts keine Lohnfortzahlungen… kurz: Er ist auf seinen täglichen Umsatz angewiesen. Und zwar dringend. Seine Arbeitszeit liegt selten unter zehn Stunden pro Tag, Wochenenden oft inklusive.

Umsatzbeteiligung?!

Matias Qwrst kann Autos reparieren, tunen, kennt sich mit Karosserien und Lackierungen und noch viel mehr aus. Seine Werkstatt liegt an einer viel befahrenen Straße, und da kommen immer wieder potentielle Kunden vorbei. Manche davon sind ganz schlau. Die erinnern sich: „Ach, als Jugendlicher hab ich doch auch gern an meinem Mofa rumgeschraubt, manchmal mach ich das heute noch gern – das ist ein schönes Hobby!“ Diese potentiellen Kunden haben meist eine feste Anstellung, sind Außendienstmitarbeiter, Kundenbetreuer oder Verkäufer, Menschen, die wissen, wie wichtig ihre Außendarstellung für die eigenen Kunden ist: Das Outfit muss stimmen, das Auto auch. Das muss schnell sein und gut aussehen, sportlich bis luxuriös…. Die fahren dann bei Matias Qwrst vorbei und sagen so was wie: „Ich hätte gern, dass mein Auto schneller fährt.“ Oder glänzend knallrot lackiert ist. Oder mattschwarz, ein imponierendes Tierchen oben drauf montiert…. Das macht Eindruck, ich erreiche schneller mehr Kunden. Und dann erinnern sie sich an ihr „Hobby“, stehen vor Qwrst und sagen: „Wissen Sie was, ich werde Sie zwar nicht direkt bezahlen, biete Ihnen aber eine Beteiligung an: Vom Umsatz jedes Kunden, den ich mit meinem neu getunten Auto mehr erreiche, bekommen Sie 50 Prozent!“ Also in zwei Monaten. Oder einem halben Jahr. Oder gar nicht.

Hobbyarbeit?!

Natürlich sagt Matias Qwrst: „Tut mir leid, kann ich nicht machen! Sie müssen mir schon die tatsächliche Arbeitszeit bezahlen – ich habe jede Menge laufender Kosten!“ Da lacht der potentielle Kunde und sagt: „Aber ich hab doch schon in meiner Freizeit die Heckspoiler selbst eingebaut, die schicken Rückspiegel montiert….“ Oder: „Das können Sie doch locker mal nebenbei machen, Herr Qwrst! Ich mach das doch auch immer mal wieder… Autoschrauben ist mein Hobby, das geht auch gut in der Freizeit…“ Freizeit?! Bei einem Arbeitstag von zehn Stunden?!

Dann trumpft der Kunde auf: „Ich habe eine Idee! Das wird eine echte winwin-Situation! Für uns beide! Sie dürfen nämlich auch ein Logo Ihrer Firma am Heck des neu knallrot lackierten Autos anbringen! Da haben wir dann beide was von!“ Matias Qwrst guckt sich das Auto näher an: innen ist es völlig vermüllt, da stapeln sich die leeren Coladosen, Kekspackungen, Satz- und Grammatikfehler……

Lektoren, PR-Dienstleister, Grafikerinnen, Layouter….

Ja. Das ist eine Parabel. Ich kenne viele wie Matias oder Martina Qwrst. Die sind ebenso gut ausgebildet wie ein Kfz-Meister, arbeiten aber als Lektoren, PR-Dienstleister, Grafikerinnen, Layouter, kurz: Haben mit Büchern zu tun. Was sie eint: Sie sind Profis auf ihrem Gebiet, selbstständig, müssen von ihrer Arbeit leben und das ganze Drumrum von Versicherung bis Mahnung irgendwie „nebenbei“ hinkriegen.

Es ist aber nicht nur eine Parabel, sondern mein voller Ernst. Leider aus ganz und gar praktischer Erfahrung: Ja, mir bieten Menschen – Festangestellte wie leider auch Freie, die es eigentlich besser wissen müssten – immer wieder solche „Beteiligungen“ an. Die haben dann ein Buch oder mehrere Bücher geschrieben, wollen zum Beispiel, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit dafür mache. Ausdrücklich „ganz professionell“ bitteschön. Weise ich dann auf den sprachlich schlechten Zustand hin, sind sie empört: „Ich gebe doch keine 1.000 Euro für ein Lektorat aus! Das macht meine ehemalige Deutschlehrerin für einen Gutschein, mit dem sie einmal im Jahr mit ihrem Mann essen gehen kann!“ Dass diese Deutschlehrerin in Rente ist – es sich also leisten kann, anderen Menschen, die davon leben wollen und müssen, die Preise kaputt zu machen, ist das eine. Dass sie eben nicht professionell arbeitet, den lieben Ex-Schüler nicht auf inhaltliche Schwachstellen seiner Bücher hinwiest und eine ziemlich kreative Zeichensetzung pflegt, das andere.

Professionalität

Am schlimmsten aber ist die Ignoranz gegenüber den Fähigkeiten von professionellen Lektorinnen, PR-Dienstleistern, Grafikern und Co.: Wir wissen, was wir tun. Wir sind ausgebildet in dem, was wir machen, bieten also professionelle Arbeit, bilden uns ständig weiter, sind gut vernetzt, haben den Markt im Blick, stellen uns auf jeden Kunden neu ein, kurz: Wir sind unser Geld wert! Wenn dann jemand kommt und sagt: „Aber ich schreibe ja schließlich auch in meiner Freizeit!“, dann vergisst er, dass er sich das leisten kann, weil er jeden Monat sein festes Gehalt bekommt.
Wenn dieser Mensch vor mir steht und „Professionalität“ haben will, ahnt er vermutlich schon, dass das Schreiben als Hobby und als erfolgreicher Autor wohl doch nicht ein und dieselbe Sache sind –  ähnlich wie die Eltern, deren Kinder angeblich wie Picasso malen können…. Aber statt die Konsequenz daraus zu ziehen und sich professionelle Leistungen – die der Hobbyautor eben NICHT selbst leisten kann –  zu marktüblichen Preisen einzukaufen, wird mir allen Ernstes angeboten, auf ein Buch voller Fehler meinen Verlags-Namen zu setzen. Und für das Ganze dann Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Von deren Erfolg ich dann vielleicht in einem Jahr die Hälfte bekomme.

Nein danke!

Nein, ich arbeite nicht auf Beteiligungsbasis!

Um das ein für alle Mal klarzustellen: Ich arbeite nicht auf Beteiligungsbasis! Nicht als PR-Fachfrau, nicht als Lektorin.

Hier habe ich übrigens noch ein paar Tipps zur Zusammenarbeit mit freiberuflich Arbeitenden zusammengestellt: Woran erkenne ich, ob jemand seriös ist? Denn natürlich müssen auch wir kritischen Blicken und Fragen standhalten. Die meisten von uns tun das aber gern. Und das ist Ihre Chance!

Matias Qwrst hat übrigens inzwischen ein großes Schild an seiner Werkstatt hängen: „Arbeite nur gegen Rechnungsstellung! Bargeld wird auch akzeptiert.“

Dem schließe ich mich an.
Schließlich: Womit sollte ich sonst die Arbeit von Mathias Qwrst bezahlen, wenn ich sie eines Tages brauche?!