Biggi Mestmäcker hat ihr erstes Buch als Selfpublisherin geschrieben: „Gegen alle Widerstände, Familiennachzug aus Syrien“  – so der Untertitel des sehr lesenswerten Buchs „Wir sehen alle denselben Mond“. Dieses Buch ist ein Bericht. Der hautnahe, ungeschönte Bericht einer Geschichte, die sie selbst erlebt hat. Im Hauptberuf betreibt Mestmäcker mit www.mehralstext.de ein Büro für Kommunikation und Marketing – bringt also durchaus schon einiges an professionellem Vorwissen mit. Ob und wie das nützt bei der ersten eigenen Buchveröffentlichung, wollte ich von ihr unter anderem wissen. Und auch, welche Rolle Netzwerke beim Buchmarketing als Selfpublisherin spielen.

Liebe Biggi, dein Buch „Wir sehen alle denselben Mond“ ist das erste Buch, das du geschrieben hast. Und  es ist gleich in zwei Sprachen auf einmal erschienen, arabisch und deutsch – mal von vorne, mal von hinten zu lesen. Du hast es mit tredition als Selfpublisherin verlegt. Warum kein „klassischer Verlag“?
Ich habe mich nicht besonders intensiv um einen klassischen Verlag bemüht. Ein Verlag hatte Interesse, wollte aber auf keinen Fall ein zweisprachiges Buch. Die Zweisprachigkeit war für mich aber nicht verhandelbar. Darüber hinaus wollte ich mir auch nicht reinreden lassen. Der Text sollte genau so erscheinen, wie ich ihn geschrieben hatte. Für mich ist das Buch ein Herzensprojekt, für einen Verlag wäre es aber nur ein weiteres Produkt im Sortiment gewesen. Es fühlte sich nicht gut und auch nicht richtig an, es in fremde Hände zu übergeben. Und außerdem wollte ich es in genau dem Moment veröffentlichen, als es fertig war. Ich wollte nicht warten. Und das geht nur als Selfpublisherin.

Dein Buch handelt vom „erleichterten Familiennachzug“ – der eben alles andere als leicht ist – der Familie eures ehemaligen Mitbewohners aus Syrien. Das Buch ist dicht und authentisch, mit Sicherheit sehr nah am „Puls der Zeit“. Was allerdings auch bedeutet: Die Konkurrenz ist ziemlich groß. Es ist nicht das einzige Buch, was das Engagement für Flüchtlinge aus eigenem Erleben beschreibt. Wie hebst du dich von anderen ab? Willst du das überhaupt? Oder gibt es da andere, denkbare Herangehensweisen?
Ich mag das Wort Konkurrenz nicht besonders. Mitbewerber klingt sehr viel schöner. Und ich neige dazu, lieber mit „Konkurrenten“ gemeinsame Sache zu machen, als gegeneinander zu arbeiten. Beispiel: Ich habe das Buch „Tee mit Ayman“ entdeckt – ebenfalls bei tredition erschienen, ebenfalls ein Buch von einer Flüchtlingshelferin mit vielen Geschichten aus dem Alltag. Ich habe es gelesen, es hat mir gefallen und ich habe spontan bei Facebook und bei mir im Blog dafür geworben. Sollte ich Angst haben, dass deshalb mein Buch nun weniger verkauft wird? Nee, ich denke, umgekehrt wird ein Schuh draus. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der sich für Tee mit Ayman interessiert, auch zur Zielgruppe meines Buches gehört, ist doch recht hoch. Davon profitieren also letztendlich beide.

Du bist Expertin für Kommunikation und Marketing. Wie hat dir das bei der Vermarktung deines Buches geholfen? Anders gefragt: Hättest du ohne dieses Fachwissen ein solches Projekt überhaupt in Angriff genommen?
Als ich das Buch geschrieben habe, hatte ich nicht vor, ein „Projekt“ daraus zu machen. Ich habe geschrieben, weil ich es für mich einfach aufschreiben musste. Schreiben als Therapie. Dann ist im Laufe der Zeit der Gedanke gereift, ein Buch daraus zu machen. Das ist quasi passiert. Keine Minute habe ich mir vorher Gedanken über das Marketing gemacht. Also: Klares Ja. Ich habe erst hinterher gemerkt, dass mir meine Erfahrungen jetzt helfen können.

Ich weiß: Du bist eine überzeugte Netzwerkerin.. Welche Rolle hat das bei deinem Buchmarketing gespielt, wie sah es konkret aus?
Eine riesengroße Rolle. Mein Netzwerk hat mich in unglaublichem Maße unterstützt und tut es noch. Meine Beiträge werden geteilt, geliked, gelesen. Viele haben von sich aus ihre Kontakte bei Presse, Funk und Fernsehen angesprochen und versucht, mir und meinem Buch zu Publicity zu verhelfen. Wieder andere sind in die Buchhandlung ihres Vertrauens gegangen und haben versucht, den Buchhändler von ‚Wir sehen alle denselben Mond‘ zu überzeugen. Viele haben selbst darüber gebloggt oder eine Rezension bei amazon verfasst. Und darüber hinaus finde ich in meinem Netzwerk – und hier meine ich insbesondere texttreff.de  –  natürlich immer Rat und Tat, wenn ich als Newbie im Buchmarkt Fragen habe – ich kann sie stellen und erhalte Antworten.

Es war für dich ja ein „erstes Mal“ – was hast du (intuitiv) richtig gemacht, was würdest du anders machen, sollte es mal ein zweites Buch geben?
Die goldene Netzwerk-Regel lautet ja: First give, then take. Ich habe in mehr als zwei Jahrzehnten im Internet mein Netzwerk aufgebaut und ich habe in all der Zeit unendlich viel gegeben. Jetzt bekomme ich etwas zurück. Das ist sehr schön zu erleben und ich bin unendlich dankbar dafür.
Was ich ansonsten in direktem Bezug auf das Buchmarketing richtiggemacht habe, weiß ich nicht. Das müssen andere beurteilen. Ich glaube, dass es immer richtig ist, möglichst ehrlich und authentisch zu sein. Glaubhaft eben. Und vielleicht auch: am Ball bleiben. Sich nicht scheuen, auf allen Kanälen jede Gelegenheit, die sich bietet, zu nutzen, das Buch zu erwähnen. Ich bin da – vor allem was das „auf allen Kanälen“ sein betrifft – alles andere als gut und allgegenwärtig. Ich könnte noch viel mehr Kanäle bespielen – Twitter, Instagram, Pinterest, Foren und Gruppen – da bin ich aber, nicht zuletzt auch aus Zeitgründen, nur sporadisch und viel zu selten.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei einem zweiten Buch etwas anders machen würde. Aber vielleicht kommt das noch. Die Arbeit für dieses erste Buch ist ja noch lange nicht vorbei.

Hast du konkrete Tipps für alle, die zum ersten Mal als Selfpublisher aktiv werden wollen? Und vielleicht auch noch speziell für jene, die nicht das Fachwissen mitbringen, das du hast?
Drei Punkte, die ich unerlässlich finde:

  1. Netzwerken
  2. Eine Buchwebsite
  3. Keine klassische Werbung machen, sondern authentisch erzählen.

Eines kann ich auf jeden Fall jetzt aus eigener Erfahrung sagen und darauf sollten sich alle neuen Selfpublisher einstellen: Wenn das Buch erst mal fertig ist, fängt die Arbeit erst an.

Zum Weiterlesen

Natürlich gibt es auch eine Webseite zum Buch. Dort wird das beteiligte Team vorgestellt, dort stehen alle Erwähnungen in Berichten, Rezensionen und Interviews. Da gibt es Werbematerial zum download oder einen Blick ins Buch und selbstverständlich auch die kommenden Termine – etwa von Lesungen: http://wirsehenalledenselbenmond.de/